Freitag, 18. März 2011 10:17 Uhr
Donnerstag, 17. März 2011 – Von Brigitte Schmiemann – Berliner Morgenpost

Viele Berliner, aber auch Touristen sorgen sich um die Gedächtniskirche, genauer gesagt um den Alten Turm. Nicht, weil er in schlechtem baulichen Zustand ist, sondern weil sie ihn nicht mehr finden. Seitdem ihm ein Gerüst verpasst wurde, dass fast so aussieht wie ein Bürohochhaus und das Denkmal den Blicken der Gäste entzieht, häufen sich die Fragen: “Wo ist denn die Gedächtnishalle?”
Nicht nur die ehrenamtlichen Mitarbeiter in der Halle werden ständig danach gefragt, auch Pfarrer Martin Germer sieht auf dem Breitscheidplatz jetzt oft Menschen, die ratlos vor dem weißen Gebäude stehen und rätseln, wo der Turm geblieben ist. Auch dem Spanier Diego Urdiales, der am Mittwoch mit seinen Freunden das Mahnmal gegen Krieg und Zerstörung besichtigte, ging es ähnlich. “Meine Freunde hätten den Turm nicht gefunden, aber weil ich schon einmal hier war, konnte ich helfen”, sagte er.
Die Stiftung Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche will jetzt so schnell wie möglich mehr Infotafeln über die geplante 4,2 Millionen Euro teure Sanierung aufstellen. Außerdem sollen Großposter mit dem Abbild des Alten Turms die Verwirrung der Besucher mildern. Sie werden am Eingang zur Gedächtnishalle angebracht. Dort, wo sie während der Bauarbeiten die Verkleidungen für die Stützen befinden, auf denen sich die obere Plattform für die Baustelleneinrichtung befindet. Ab Mai sollen zudem Führungen mit kleinen Gruppen für Aufklärung sorgen, was sich hinter den Baustellenplatten tut.
Schutz gegen Witterung
Raphael Abrell vom mit der Sanierung des Alten Turms beauftragten “Büro für Architektur, Städtebau und Denkmalpflege Gerhard Schlotter Architekten” lobt die Baustellenverkleidung aus Aluplatten, die außen weiß beklebt sind: “Sie ist ein guter Witterungsschutz und bringt auch Sicherheit für die Passanten, falls mal etwas runterfällt, was ja nicht passieren sollte.” Ein derartiges Modulsystem sei bei aufwendigen Bauvorhaben wie diesem heute Standard. Eine Folie würde bei der Riesen-Fläche ständig flattern, sich bei Sonneneinstrahlung dehnen, so dass sie nachgespannt werden müsste. “Bei normalen Fassadensanierungen ist solch eine Umbauung nicht üblich, bei aufwendigen Restaurierungsarbeiten wie diesen aber angemessen”, so Abrell. Sicherlich habe man bedruckte Bilder mit dem Abbild des Denkmals auf die Platten kleben können, doch das hätte sehr viel Geld gekostet, das Abrell und auch die Stiftung der Kirche lieber in die Wiederherstellung der Substanz stecken.

Hinter den Platten haben Bauarbeiter das komplizierte Gebäude mit vorspringenden Gesimsen, Türmchen, Nischen und Rücksprüngen in rund drei Monaten bis zur 71 Meter hohen Spitze eingerüstet. Die Arbeiten begannen zwar im September, konnten aber wegen des strengen langen Winters nicht durchgehend fortgesetzt werden. Zu Verzögerungen bei der Sanierung, die Ende 2012 abgeschlossen sein soll, soll es trotzdem nicht kommen.
36 mannshohe Gerüstlagen erschließen das Denkmal. Viel Kleinstarbeit. Schon aus Sicherheitsgründen dürfen keine Stellen neben den Laufbohlen und Brettern dieses Sonderbauwerks zu groß sein. Es könnte jemand runterfallen. Mit unterschiedlichsten Gerüstsystemen, die teils hängend gebaut werden mussten oder auch auf extra herbeigeschafften großen Stahlträgern aufliegen, wurde der Turm von außen und innen begehbar gemacht.
Zwei Treppenhäuser mit für eine Baustelle relativ komfortablen 1,10 Meter breiten Stufen – 330 sind es bis oben – gibt es, nur ganz oben führen dann noch kleine Leitern bis zur Spitze. Sogar ein Fahrstuhl, um die Lasten nach oben zu befördern, ist an der Ostseite installiert. Selbst der Hohle Zahn, der oben viel größer wirkt als von unten, ist mit fünf Gerüstebenen versehen. Ab der Glockenstube in etwa 54 Metern Höhe führen normalerweise nur noch kleine Steigeisen nach oben zum Hohlen Zahn. Jetzt umgeben ihn außen und innen Gerüste, sodass die Handwerker auch an der Spitze des Denkmals arbeiten können.
Schadenserheber im Einsatz
Noch haben die eigentlichen Sanierungsarbeiten nicht begonnen. Sie sollen im Sommer starten. Stattdessen sind die Schadenskartierer wie Restauratorin Dorothea Laab im Einsatz. Mit unterschiedlich farbigen Stiften markiert sie auf Zeichnungen Risse, undichte Fugen, Bewuchs und andere Schadensbilder. Auch welche unterschiedlichen Materialien am Bauwerk bislang eingesetzt wurden, wird dabei festgehalten. Neben den originalen wie Tuff, Sandstein, Granit und Ziegel, die für diesen zu seiner Entstehungszeit 1895 teuersten protestantischen Kirchenbau verwandt wurden, findet sich auch Beton und Steinersatzmasse.
Jörg Körner sitzt in einem Container auf der ersten Ebene des Gerüsts vor einem Computer und arbeitet diese Details in die Pläne ein. Das Gesamtbild, das für die kommenden Restaurierungsarbeiten so zusammenkommt, ist eine Geduldsarbeit. Die eigentliche Herausforderung aber beginnt im Sommer mit der Restaurierung. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass es viele schwierige Bereiche geben wird: aus den Vorsanierungen schlecht sanierte bis hin zu komplett verwitterten. Und weil es sich um ein Denkmal handelt, soll an der Ruine nichts rekonstruiert werden. Im Gegenteil: “Die Kunst ist, dass man unsere Arbeit möglichst nicht sehen sollte”, kündigt Projektleiter Raphael Abrell an.
(Fotos: Martin Germer)